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Wissen

Ursachen und Auslöser

Wie entsteht eine Depression? Die meisten Menschen glauben, dass Depression vor allem eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände ist. Weniger bekannt ist, wie wichtig die individuelle Veranlagung und Prozesse im Gehirn sind. 

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Welche Rolle spielt die Veranlagung?

Menschen mit einer Veranlagung für Depression haben ein erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens eine oder mehrere depressive Episoden zu erleben - selbst wenn ihre Lebensumstände günstig erscheinen. Im Gegensatz dazu entwickeln Menschen ohne eine solche Veranlagung normalerweise keine Depression, selbst wenn sie mit großen Herausforderungen konfrontiert sind.

Die Veranlagung, an Depression zu erkranken, kann entweder von den Eltern geerbt oder z.B. durch traumatische Erfahrungen in der frühen Kindheit erworben werden. Bei Personen mit einer Veranlagung können dann beispielweise Lebensereignisse oder körperliche Veränderungen (z.B. hormonelle Veränderungen) eine depressive Episode auslösen. Ist die Veranlagung für Depression sehr hoch, können depressive Episoden auch ohne äußere Auslöser auftreten, d.h. wenn scheinbar „alles in Ordnung ist.“

Körperliche und psychische Faktoren im Zusammenspiel

Viele Betroffene fragen sich, ob Depression eine körperliche oder psychische Erkrankung ist. Die Antwort lautet: beides. Wie bei einer Medaille gibt es zwei Seiten, die für die Entstehung einer Depression bedeutsam sind: eine körperliche und eine psychische Seite. Da auch die Beziehung zu Mitmenschen und unser Umfeld eine Rolle spielen können, wird bei der psychischen Seite oft auch der Begriff „psychosozial“ verwendet. Die zwei Seiten beeinflussen sich auch gegenseitig („Wechselwirkung“).

Da bei einer Depression immer beide Seiten beteiligt sind, erklärt das auch, warum sowohl mit Medikamenten als auch mit Psychotherapie behandelt werden kann.  

Psychosoziale Seite

Die psychosoziale Seite umfasst das gesamte Verhalten, unsere Lebenserfahrungen und Beziehungen zu Mitmenschen. Wenn Menschen in der Kindheit Missbrauch erfahren oder andere traumatische Erfahrungen machen, kann das die Veranlagung für Depression beeinflussen. Dadurch steigt das Risiko, später zu erkranken.

Auf der psychosozialen Seite gibt es auch Auslöser für eine depressive Episode, wie aktuelle Verlusterlebnisse oder Überlastungssituationen. Aber auch positive Lebensveränderungen (z.B. ein Urlaubsantritt, die Geburt eines Kindes oder eine bestandene Prüfung) können Auslöser einer depressiven Episode sein. Genauso kann eine Depression aber auch ohne offensichtliche Auslöser, das heißt „einfach so“, auftreten. Eine Psychotherapie setzt auf dieser Seite der Depression an.

Körperliche Seite

Bei jedem Menschen mit Depression gibt es auch immer körperliche Ursachen für eine Depression (neurobiologische Seite). Dazu gehören einerseits unsere Gene: wenn ein Elternteil an Depression erkrankt ist, so ist das eigene Risiko, an Depression zu erkranken, erhöht. Weiterhin treten bei Depression auch Veränderungen im Körper, insbesondere Veränderungen im Gehirn, auf. So sind bei Depression bestimmte Botenstoffe im Gehirn nicht mehr im Gleichgewicht. Auslöser für eine depressive Episode können auch Veränderungen in den Stresshormonen und andere hormonelle Veränderungen (z.B. in der Schwangerschaft) sein. Durch eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva können diese wieder ausgeglichen werden.

Was passiert bei einer Depression im Gehirn?

Unser Gehirn besteht aus über 100 Milliarden Nervenzellen, die miteinander kommunizieren. Unser Denken, Fühlen und Verhalten hängen von der Funktion dieser Nervenzellen ab. Die Aktivität der Nervenzellen wird über Axone zu vielen anderen Nervenzellen weitergeleitet. Axone sind Ausläufer der Nervenzelle, wie Kabel. Allerdings besteht zwischen den Nervenzellen keine direkte Verbindung. 

Damit ein Reiz von Nervenzelle A zu Nervenzelle B weitergegeben werden kann, müssen über sogenannte Synapsen am Ende der Axone bestimmte Botenstoffe (Neurotransmitter) in den synaptischen Spalt (den Raum zwischen zwei Nervenzellen) ausgeschüttet werden. Die nachfolgende Nervenzelle nimmt über passende Rezeptoren die Botenstoffe auf und es wird ein Reiz ausgelöst. Auf diesem Weg gelangt der Reiz aus Nervenzelle A in Nervenzelle B. Bei einer Depression kann diese Signalübertragung durch bestimmte Botenstoffe im Gehirn gestört sein, zum Beispiel von Serotonin und Noradrenalin.

Das ist aber nur ein Teil des Ganzen – Depression entsteht durch ein Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren. So sind außerdem auch manche Wachstumsstoffe, die die Nervenzellen brauchen, zu wenig verfügbar. Auch das Immunsystem spielt hier eine Rolle. All diese Komponenten führen dazu, dass bestimmte Gefühle anders verarbeitet werden und dass das Denken verändert und pessimistischer ist. 

Wegen komplizierter Wechselwirkungen und Rückkopplungen sind die Funktionsstörung der Botenstoffe und anderer Abläufe im Gehirn bei Depression bisher noch nicht vollständig verstanden.

Kann Depression vererbt werden?
  • Gut belegt ist, dass bei der Entstehung einer Depression eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt.
  • Es gibt jedoch kein einzelnes "Depressions-Gen", das hauptverantwortlich für die Erkrankung ist. Es ist anzunehmen, dass es mehrere genetische Veränderungen gibt, die erst bei einer ungünstigen Konstellation die Veranlagung, also das Erkrankungsrisiko, erhöhen.
  • Wenn Eltern oder Geschwister an einer Depression erkrankt sind, ist das Risiko für andere Familienmitglieder erhöht, ebenfalls daran zu erkranken. Das zeigen viele Studien aus der Zwillings- und Adoptionsforschung.  
  • Bei eineiigen Zwillingen, d.h. bei Personen mit gleicher genetischer Ausstattung, sind deshalb deutlich häufiger beide an Depression erkrankt als bei zweieiigen Zwillingen. Es gibt aber Fälle, bei denen nur einer der eineiigen Zwillinge erkrankt ist. Das bedeutet, dass die Gene nicht alles erklären können und auch äußere Einflüsse der Umwelt eine Rolle spielen.
Verwendete Literatur

Sullivan PF, Neale MC, Kendler KS et al. (2000) Genetic epidemiology of major depression: review and meta-analysis. Am J Psychiatry 157: 1552–1562. https://doi.org/10.1176/appi.ajp.157.10.1552