Audiomaterial

Untenstehend finden Sie Audio-Töne von Prof. Ulrich Hegerl (Vorsitzender Stiftung Deutsche Depressionshilfe/ Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt/M.) zur freien Verwendung. Kommen Sie gerne auf uns zu, wenn Sie weitere Statements benötigen oder Interview-Anfragen haben.

1. Wie viele Beschäftigte sind betroffen?

Prof. Ulrich Hegerl: „Depression ist eine sehr häufige Erkrankung. In der Gesamtbevölkerung ist es so, dass jedes Jahr in Deutschland etwa 8% der Erwachsenen unter einer behandlungsbedürftigen Depression leiden. Bei unserer Befragung haben wir gefunden, dass 20% der Beschäftigten angeben, dass bei ihnen schon mal irgendwann im Leben eine Depression diagnostiziert worden ist. Das sind also hohe Zahlen. Manche vermuten auch, dass sie eine Depression haben ohne, dass sie bisher offiziell eine Diagnose bekommen haben, das kommt noch hinzu.“

2. Suizid in Unternehmen

Prof. Ulrich Hegerl: „Das Thema Suizid ist ja auch ein sehr bedrückendes Thema, das eng mit der Depression verknüpft ist, denn die meisten Suizide erfolgen im Kontext von depressiven Erkrankungen und auch das spielt eine nicht ganz geringe Rolle in Unternehmen. 15% der Beschäftigten haben angegeben, dass es in ihrem beruflichen Umfeld schon mal zu einem Suizid oder Suizidversuch gekommen ist.“

3. Was Unternehmen tun können

Prof. Ulrich Hegerl: „Unternehmen können sehr viel tun, gerade auch bei der Depression. Da das eine gut behandelbare Erkrankung ist, die aber sehr häufig nicht behandelt wird. Hier ist es vor allem wichtig, dass durch Handlungskompetenz von Personalverantwortlichen, aber auch durch Schaffung einer weniger stigmatisierenden Atmosphäre im Gesamtunternehmen erreicht wird, dass Menschen mit Depressionen, die sich vielleicht in die Arbeit schleppen, dass die rascher in eine professionelle Behandlung kommen. Und dabei ist wichtig zu wissen, wer ist denn da überhaupt zuständig für die professionelle Behandlung? Das sind zum einen die Fachärzte, die Psychiater. Dann haben wir die Gruppe der psychologischen Psychotherapeuten. Das sind nicht alle Psychologen, sondern nur eine Untergruppe mit einer Spezialausbildung, die müssen auch in der Psychiatrie gearbeitet haben, sie haben also Patienten gesehen. Diese psychologischen Psychotherapeuten können Psychotherapie anbieten und wie die Ärzte über die Kasse abrechnen. Die dritte Gruppe sind die Hausärzte, die tatsächlich einen Großteil der ambulant behandelten Patienten mit Antidepressiva in der Regel behandeln. Das ist also wichtig, dass hier auch durch Schaffung einer nicht stigmatisierenden Atmosphäre erreicht wird, dass die Menschen rascher in eine reguläre Behandlung kommen. Damit kann man viele Kosten sparen, natürlich auch viel Leid. Sehr viele Kosten entstehen durch Präsentismus, das heißt, dass Menschen mit einer Depression in der Arbeit sind, aber ihre Leistung bei weitem nicht bringen können. Aber auch durch Fehlzeiten, durch Krankschreibungen. Ein großer Prozentsatz der Arbeitsunfähigkeitstage, die gehen auf psychische Erkrankungen und vor allem auch auf Depressionen zurück.“

4. Um welche Erkrankungen sollten sich Unternehmen kümmern?

Prof. Ulrich Hegerl: „Große Unternehmen wissen sehr gut was für ein riesen Kostenfaktor das Thema psychische Gesundheit ist und sind deswegen auch oft daran interessiert, hier was zu tun. Für psychische Gesundheit insgesamt etwas zu tun ist allerdings schwierig, denn es ist ja ein großes Bündel völlig unterschiedlicher Erkrankungen: Schizophrenie, Suchterkrankungen, Zwangsstörungen usw. Da kann man eigentlich nichts für alle diese Erkrankungen gleichzeitig tun, genauso wenig wie man irgendwas gegen internistische Erkrankungen generell machen kann. Wenn man nachdenkt, dann merkt man, dass mit Abstand die wichtigste Erkrankung die Depression ist und hier können Unternehmen dann doch relativ viel tun.“

5. Arbeit als Ursache der Depression?

Prof. Ulrich Hegerl: „Sehr viele Menschen glauben ja, dass die Depression vor allem eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände ist. Bei unserer Befragung haben 95% der Befragten angegeben, dass die Belastung am Arbeitsplatz eine wichtige Ursache für Depressionen ist, auch Konflikte mit Kollegen und Konflikte im Arbeitsumfeld. Das ist eine sicherlich deutliche Überschätzung der Bedeutung dieser Faktoren, denn entscheidend ist die Veranlagung. Wenn jemand die Veranlagung hat, dann rutscht er immer wieder in diesen speziellen Zustand Depression hinein. Deshalb haben die meisten Menschen, die eine depressive Krankheitsphase erlitten haben, im Laufe ihres Lebens weitere. Wenn man reinrutscht in eine Depression, dann hat man immer den Eindruck, dass die Arbeit einem über den Kopf wächst, dass man das alles nicht schafft. Dann ist die Versuchung nahe zu glauben, die Arbeit sei schuld. Aber in den allermeisten Fällen ist es nicht die Arbeit, die Schuld ist, sondern oft im Gegenteil. Die Arbeit hat oft eher etwas protektives, weil sie eine Tagesstrukturierung auch erleichtert und die Menschen dann nicht so oft ins negative Grübeln geraten. Auch die sozialen Kontakte, vielleicht gewisse Erfolgserlebnisse – das sind alles Dinge, die hilfreich sind, so dass der negative Einfluss der Arbeit als Ursache von Depressionen deutlich überschätzt wird. Wir haben auch nicht mehr depressiv Erkrankte im Arbeitsbereich, auch nicht im Hochleistungsbereich. Da gibt es auch nicht mehr depressiv Erkrankte. Also da sind die Vorstellungen leider irreführend.“

6. Hilft Urlaub gegen Depression?

Prof. Ulrich Hegerl: „Da die meisten Menschen annehmen, dass Belastungen durch die Arbeit eine wichtige Ursache für Depressionen sind, ist nicht verwunderlich, dass auch 68% glauben, in den Urlaub fahren sei eine gute Idee. Das ist aber bei weitem keine gute Idee. Denn die Depression ist in der Regel nicht verursacht durch die Arbeit. Die geht auch nicht weg durch Urlaub, die geht auch durch langes Schlafen nicht weg, sondern wird dadurch eher verschlechtert. Wenn die Menschen mit der Depression dann im Urlaub in einer fremden Umgebung sind und merken, sie können sich nicht freuen, sie sind immer noch so dauerangespannt, das Ganze wird nicht besser, sondern eher schlechter – dann ist es oft sogar eine bedrohliche Situation, weswegen immer empfohlen wird in der Depression nicht in den Urlaub zu fahren. Das ist übrigens etwas, was die Erkrankten selber auch gar nicht wollen, denn in der Depression will man eher Ruhe, Decke über den Kopf und keine stimulierende neue Umgebung.“

7. Im Job offen über Depression sprechen

Prof. Ulrich Hegerl: „Bei der Befragung haben etwa ein Drittel angegeben, dass sie am Arbeitsplatz offen mit ihrer depressiven Erkrankung umgehen. Das ist etwas, was man sich immer sehr genau überlegen muss. Das hängt von dem Vertrauensverhältnis ab, von den eigenen beruflichen Plänen, von vielen Dingen. Man ist keinesfalls verpflichtet, damit offen umzugehen. Die Reaktionen, die man erhält, wenn man offen damit umgeht, sind oft, das berichten einige, erstaunlich positiv. Das liegt auch daran, dass es eben nicht wenige Menschen gibt, die selbst auch direkt oder indirekt mit der Erkrankung zu tun haben, sodass man doch nicht selten auch auf Verständnis stößt. Aber es gibt natürlich auch negative Erfahrungen. Denn viele Menschen wissen halt einfach nicht, dass Depression eine richtige Erkrankung ist und nichts mit persönlichem Versagen oder einem ‚Sich-gehen-lassen‘ zu tun hat. Also das ist etwas, was man in jedem einzelnen Fall sich gut überlegen muss.“

8. Was können Führungskräfte tun?

Prof. Ulrich Hegerl: „Führungskräfte sollten sich informieren, was mache ich, wenn ich einen Mitarbeiter habe, der vielleicht weinend vor seinem Laptop sitzt, der nicht mehr in die Kantine mitkommt, der die Leistung nicht bringt? Was mache ich dann? Wichtig ist zu wissen, dass man reden muss, wie auch bei anderen Erkrankungen, dass man den Menschen in eine ruhige Umgebung bittet und dann ein Gespräch führt. Im ersten Teil des Gespräches sollte man versuchen zu verstehen, was ist denn eigentlich los? Ist das tatsächlich jetzt nur ein privater Konflikt, den dieser Mensch hat? Oder auch Arbeitsplatzkonflikte, die man dann mit gesundem Menschenverstand angehen kann? Oder hat man den Eindruck, das geht darüber hinaus und ist vielleicht doch etwas, was krankhaft ist? Man muss ja keine Diagnose stellen. Aber wenn man das Gefühl hat, das ist doch etwas mit sehr großer Verzweiflung, vielleicht auch mit finsteren Gedanken, mit Hoffnungslosigkeit, dann kommt der zweite Teil des Gespräches. Da geht es darum, den Menschen zu beraten, wo er Hilfe kriegt und vor allem ihn zu ermutigen, sich Hilfe zu holen. Da ist es wiederum wichtig zu wissen, was sind denn die Anlaufstellen, d.h. die Psychiater, die psychologischen Psychotherapeuten und die Hausärzte. An die sollte sich der Mitarbeiter wenden, damit dort eine Diagnose gestellt wird und eventuell auch eine Behandlung eingeleitet wird.“

9. Wiedereinstieg

Prof. Ulrich Hegerl: „Viele Menschen, die nach abgeklungener Depression in die Arbeit kommen, können wieder unverändert zu der Zeit vor der Erkrankung ihrer Arbeit nachgehen. Viele sind dann wieder ganz normal leistungsfähig, auch genussfähig. Sie können den Anforderungen wieder gerecht werden. Manchmal, wenn vielleicht die Depression nicht ganz so gut abgeklungen ist oder die Überforderung tatsächlich ernsthafter ist an dem Arbeitsplatz, kann es auch sinnvoll sein hier Reduktionen vorzunehmen in der Belastung. Bei unserer Befragung haben 10% angegeben, dass bei ihnen die Arbeitszeit dauerhaft reduziert worden ist. Das ist keinesfalls etwas, was man hier regelhaft tun muss. Es gibt auch die Möglichkeit einer stufenweisen Wiedereingliederung. Bei der Befragung haben 25% angegeben, dass sie das mal genutzt haben. Das ist das sogenannte Hamburger Modell. Hier kann man in die Arbeit wieder schrittweise eingeführt werden, indem man zunächst vielleicht nur zwei Stunden arbeitet, dann vier und dann sechs. Das ist etwas, was auch von den Kassen finanziert wird. Das heißt die Kosten hierfür müssen nicht Unternehmen tragen, sondern das tragen die Kassen. Das muss beantragt werden und kann manchmal sinnvoll sein, wenn bei einer längeren Krankheitsphase und noch leichteren bestehenden Restsymptomen vielleicht ein sofortiger voller Arbeitsbeginn schwierig ist.“ 

10. Zusammenfassendes Kurzstatement

Prof. Ulrich Hegerl: „Die Befragung hat ergeben, dass Depression nicht nur in der Allgemeinbevölkerung, sondern natürlich auch bei den Arbeitstätigen ein sehr großes Problem ist. Das ist ja nicht größer als in der Allgemeinbevölkerung, aber sehr viele Menschen sind betroffen. Es ist wichtig, dass die Unternehmen hier etwas Handlungskompetenz haben, dass die wissen, wie sie damit umgehen. Dazu gehört eben auch zu lernen, dass Depressionen richtige Erkrankungen sind und auch wenn die Erkrankten sich in der Arbeit in der Depression immer überfordert und völlig gestresst fühlen, dass in den wenigsten Fällen die Arbeit die Ursache ist – anders als oft angenommen wird, dass man aber in Unternehmen trotzdem sehr, sehr viel tun kann. Das Wichtigste ist: Sorge tragen, dass man die Menschen, die möglicherweise eine Depression haben, dabei unterstützt und sie motiviert sich rasch professionelle Hilfe zu holen.“