Audiomaterial

Untenstehend finden Sie Audio-Töne von Prof. Ulrich Hegerl (Vorsitzender Stiftung Deutsche Depressionshilfe/ Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt/M.) zur freien Verwendung. Kommen Sie gerne auf uns zu, wenn Sie weitere Statements benötigen oder Interview-Anfragen haben.

1. Was sind die Hauptergebnisse der Studie?

"Die Hauptergebnisse waren, dass sich die Belastungen durch den Lockdown für Menschen mit Depressionen, aber auch für die Allgemeinheit deutlich erhöht hat. Und dass in den verschiedenen Bereichen, was berufliche Belastung angeht, was familiäre Belastung angeht. Auch die Infektionsängste haben zugenommen. Auch die Versorgungsdefizite für Menschen mit depressiven Erkrankungen bestehen nach wie vor. Besondere Sorge bereitet auch, dass relativ viele Menschen angeben im letzten halben Jahr einen Suizidversuch begangen zu haben. Das legt nochmal ein starkes Augenmerk auf die Notwendigkeit, dass wir das Ausmaß an Leid und Tod, dass wir durch die Maßnahmen verhindern, in eine gute Balance bringen müssen mit dem Ausmaß an Leid und Tod, dass wir verursachen. Und nur, wenn man auch die Nachteile systematisch erfasst, zum Beispiel die Suizidversuche, kann man die Balance optimieren."

2. Wie geht es den Deutschen gerade?

"Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat in den beiden letzten Februarwochen 2021 eine repräsentative Bevölkerungsbefragung gemacht und die Ergebnisse sind sehr eindrücklich. Sie zeigen, dass dieser zweite Lockdown als deutlich bedrückender erlebt wird. 71% erleben das als bedrückend und im letzten Jahr waren die Zahlen deutlich geringer. Mehr Menschen sagen interessanterweise jetzt auch, dass sie Angst haben sich zu infizieren, 48% haben diese Angst. Mehr Menschen geben an, sich zurückzuziehen und auch mehr Menschen geben an, familiär stark belastet zu sein und sich berufliche Sorgen zu machen. Alle diese Zahlen sind nach oben gegangen im Vergleich zu den Zahlen im ersten Lockdown und im Juni/Juli letzten Jahres."

3. Was bedeutet der Lockdown für depressiv Erkrankte?

"Für Menschen mit depressiven Erkrankungen sind die Maßnahmen gegen Corona besonders nachteilig. Die Menschen ziehen sich vermehrt ins Bett zurück, was den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen kann. Sie bewegen sich weniger - ein Großteil der depressiv Erkrankten gibt das an. Das ist auch negativ, denn Sport ist ja eine unterstützende Maßnahme bei Depressionen. Die Tagesstruktur fällt den Menschen schwer, sie haben zu viel Zeit zum Grübeln und liegen mehr im Bett. Alles das sind Dinge, die sich ungünstig auf den Krankheitsverlauf auswirken. Hinzu kommt, dass die Menschen darüber berichten, dass nach wie vor die Qualität der medizinischen Versorgung verschlechtert ist. Durch die Maßnahmen gegen Corona sind Ressourcen abgezogen worden, ganz normale Behandlungen fallen aus, Selbsthilfegruppen fallen aus. Auch Facharzttermine und Hausarzttermine fallen aus. Und das hat auch zugenommen im Vergleich zur Situation im Juni/Juli 2020, zumindest hinsichtlich einiger Aspekte."

3a. Was bedeutet das für den Krankheitsverlauf der Depression?

"Diese Verschlechterung der medizinischen Versorgung für Menschen mit depressiven Erkrankungen dürfte auch erklären, warum 44% der Menschen mit diagnostizierter Depression angeben, dass sich ihr Krankheitsverlauf verschlechtert hat. Da gab es Rückfälle die Symptomatik hat sich verschlechtert."

4. Wie steht es um die Versorgung psychisch Erkrankter unter Pandemie-Bedingungen?

"Die Befragung hat auch ergeben, dass durch die Maßnahmen gegen Corona nach wie vor deutliche Defizite in der Qualität der medizinischen Versorgung bestehen. Viele berichten, dass nach wie vor stationäre Behandlungen abgesagt werden, dass Facharzttermine ausfallen. Und nach wie vor haben die Menschen auch selbst Angst sich Hilfe zu holen, weil sie so eingeschüchtert sind und Angst vor einer Infektion haben."

5. Es gab schon vor Corona lange Wartezeiten beim Psychotherapeuten oder Psychiater? Wie ist die Situation jetzt?

"Durch die zunehmende Belastung und durch die negativen Einflüsse der Maßnahmen gegen Corona auf Krankheitsverläufe dürfte auch zu erklären sein, dass es momentan noch schwieriger als sonst ist, einen Termin beim Facharzt oder beim Psychotherapeuten zu bekommen. Somit hat sich der vorher schon bestehende Engpass noch weiter verschärft."

6. Gab es mehr Suizidversuche während der Corona-Pandemie?

"Sorge bereitet mir auch, dass von den knapp 2.000 Menschen, die in dieser Befragung angeben unter Depressionen zu leiden, 13 Menschen angeben in den letzten sechs Monaten einen Suizidversuch begangen zu haben. Wenn man das hochrechnet, dann kommt man auf eine Zahl von etwa 140.000 Menschen, die in den letzten sechs Monaten einen Suizidversuch begangen haben und zwar nur aus der Gruppe von Menschen, die eine diagnostizierte oder selbst-diagnostizierte Depression haben. Das ist eine sehr hohe Zahl. Man kann daraus jetzt keine sehr harten Schlüsse ziehen, weil es keine offiziellen Statistiken zu Suizidversuchen gibt. Aber für mich ist es trotzdem ein Grund zur Sorge und vor allem ein Hinweis darauf, dass man in systematischer Weise Veränderungen in den Suizidversuchszahlen erfassen sollte."

7. Wie kommen wir möglichst psychisch gesund durch diese Zeit?

"Ganz generell ist Menschen mit Depressionen, aber auch der Allgemeinheit zu empfehlen, dass man eine Art Wochenplan aufstellt, wo man sich für jede Stunde überlegt, was man denn hier macht. Da wird es manche Pflichten geben, da wird es auch was Erholsames oder was Angenehmes geben. Man kann sich hier auch körperliche Aktivitäten einplanen, was ja sehr wichtig ist in der jetzigen Zeit, vor allem auch für Menschen mit Depressionen. Man kann sich sogar überlegen, ob man diese Krise auch als Chance auffassen kann und sich vielleicht was Neues vornehmen kann. Vielleicht ein neues Hobby oder sich ein längeres Musikstück anhören oder ein dickeres Buch lesen. Oder mal Menschen anrufen, die einem wichtig sind und mit denen man schon länger nicht mehr gesprochen hat. Wichtig ist auch, dass man den Schlaf-Wach-Rhythmus sorgfältig einhält. Denn längere Bettzeiten führen, vor allem auch für Menschen mit Depressionen, nicht zu besserer Erholung, sondern in der Regel zu größerer Erschöpfung und schlechterer Stimmung."

8. Was wünschen Sie sich für Menschen mit Depression von der Politik?

"Diese doch ganz gravierenden gesundheitlichen Folgen durch die Maßnahmen gegen Corona betonen erneut die dringende Notwendigkeit sich anzuschauen, wie viel Leid und Tod durch die Maßnahmen gegen Corona verhindert werden und wie viel durch sie verursacht werden. Wenn man sieht, dass so viele Menschen angeben, dass sie in Folge der Maßnahmen gegen Corona eine Verschlechterung ihrer Erkrankung haben und möglicherweise auch die Zahl der Menschen mit Suizidversuch nach oben gegangen ist, dann muss das mit berücksichtigt werden. Denn nur wenn man solche Dinge, und die gibt es ja auch aus anderen Bereichen der Medizin, also Infos, dass es hier zu medizinischen und gesundheitlichen Nachteilen für Menschen mit anderen Diagnosen gekommen ist, nur wenn man das mit berücksichtigt, dann kann man die Balance aus Nutzen und Schaden der Maßnahmen optimieren."