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Etienne, 32 Erfahrungsbericht

Symptome und Behandlung

Im Sommer 2016 erkrankte ich an einer Depression. Bis ich die endgültige Diagnose hatte, verging, trotz frühzeitiger Behandlung, viel Zeit. Aber nun alles von Anfang an:

Erste Symptome und eine erste Diagnose

Alles fing damit an, dass bei mir im April/Mai 2016 Schlafstörungen auftraten. Anfangs waren die noch leicht. Dazu kamen dann nach einiger Zeit noch Panikattacken. Während eines zwei-wöchigen Urlaubs konnte ich mich nicht erfreuen, geschweige denn erholen. Im Gegenteil: Nach dem Urlaub wurden die Schlafstörungen und Panikattacken so stark, dass ich höchstens auf eine Stunde Schlaf pro Nacht kam.

Ich wusste nicht, was mit mir los war. Mein Glück war bzw. ist, dass ich einen sehr guten Hausarzt habe. Dort fiel zum ersten Mal das Wort Depression. Ich weiß noch genau, dass ich in diesem Moment zum ersten Mal das Gefühl hatte, nicht mehr zu wissen, wie mein Leben weitergehen sollte. Ich hatte das Gefühl, alles zu verlieren. Von einem geregelten Alltag war nicht mehr die Rede. Rationales Denken war nicht mehr möglich. Ich war nicht mehr ich selbst. So stelle ich mir unter anderem auch eine Demenzkrankheit vor. Ich konnte mir nichts mehr merken und war mit kleinsten Aufgaben überfordert.

Das Ausfüllen eines Formulars wurde zu einer unüberwindbaren Aufgabe. Ich konnte nicht mehr alleine bleiben. Selbst auf meine Tochter aufpassen - dazu war ich nicht mehr fähig. Besonders schlimm war, dass ich für meine Frau und mein Kind keine Gefühle entwickeln konnte. An Gesprächen konnte ich nicht mehr teilnehmen, da ich in meinen Gedanken gefangen war. Mehr noch: Es fühlte sich an, als ob ich in meinem eigenen Körper gefangen gewesen wäre.

Was ich inzwischen weiß ist, dass das bei einer Depression normal ist, da das Gehirn erkrankt ist und es keine positiven Gefühle entwickeln kann und auch nicht normal denkt bzw. arbeitet. Das war mir zum damaligen Zeitpunkt aber noch nicht bewusst. Ich wollte mich immer nur verkriechen und meine Ruhe.

Eine erste ambulante Behandlung und falsche Medikamenteneinstellung

Mein Hausarzt überwies mich zu einem Psychiater. Hier machte ich die Erfahrung, wie wichtig eine behutsame Einstellung der Medikamente und engmaschige Behandlung eines Facharztes ist. Leider tat dies meine behandelnde Psychiaterin nicht, und ich musste auch erfahren, dass Psychopharmaka Fluch und Segen zugleich sein können. Bei mir war es zuerst der Fluch. Wie sich später herausstellte, verschrieb mir die Psychiaterin eine gefährliche Medikamentenkombination und sagte mir, dass ich in zwei bzw. später in vier Wochen noch einmal zur Kontrolle kommen sollte. Inzwischen weiß ich, dass gerade am Anfang so einer Krankheit eine ärztliche Kontrolle alle paar Tage erfolgen sollte, um eine genaue Medikamenteneinstellung zu erzielen. In dieser Zeit entwickelten sich schlimme Gedanken bzw. ich hatte diese nicht mehr unter Kontrolle. Ich entwickelte Gedanken und Ängste mir etwas anzutun. Diese Gedanken wurden unerträglich. 

Klinikaufenthalt

Ich habe mich gemeinsam mit meiner Frau dazu entschieden, mich in eine Klinik einzuweisen. Das war die beste Entscheidung. Dort wurden die bis dahin verordneten Medikamente abgesetzt und eine neue, behutsame Medikamenteneinstellung begonnen. Die Depression und die damit verbundenen Suizidgedanken blieben zunächst. Ich fühlte mich total schlecht. Ich hatte das Gefühl, dass ich nie wieder aus dieser Krankheit und dem negativen Zustand herauskomme. Ich wollte absolut nicht in dieser Klinik sein. Aber zuhause ging es auch nicht, weil mir die Sicherheit fehlte, die die Klinik mir gegeben hat. Ich hatte das Gefühl, nicht in der Wirklichkeit zu leben. Das ganze Umfeld, sogar das Gewohnte kam mir fremd vor. Die erste Medikamenteneinstellung in der Klinik gab leider auch nicht die gewünschte Besserung, sodass ich erneut umgestellt wurde. Bis die richtigen Medikamente gefunden werden, kann einige Zeit vergehen. Bis die Wirkung einsetzt, können einige Tage bis Wochen vergehen. Vom ersten Tag meiner Krankheit habe ich auf den Tag gewartet, an dem es mir endlich besser geht.

Man hofft, morgens aufzuwachen und sich besser zu fühlen. Ich wurde über Wochen jeden Tag auf ein Neues enttäuscht. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob ich überhaupt merke, wenn es mir besser geht. Die Besserung trat nach ca. zwei Monaten Klinikaufenthalt ein. Die Antriebslosigkeit hörte auf, meine negativen Gedanken wurden weniger. Als ich schließlich nach insgesamt zweieinhalb Monaten entlassen wurde, dachte ich, dass ich wieder komplett gesund sei. Die depressiven Momente waren aber immer noch da und ich merkte, dass es irgendwie nichts wie früher ist. Mir wurde von den Ärzten gesagt, dass das bei dreiviertel der entlassenen Patienten so wäre. Der Rest der Genesung würde aber noch eintreten. Dies war bei mir dann nach ca. einem weiteren Monat nach Entlassung der Fall.

Gefühlswelt

Neben den negativen Gedanken nichts mehr wert zu sein, den Schuldgefühlen sowie den dauerhaften Grübelgedanken waren die Schlafstörungen besonders schlimm. Über mehr als vier Monate war das Schlafengehen eine Qual.

Wenn ich nach eineinhalb bis zwei Stunden eingeschlafen war, bin ich nach vier bis fünf Stunden wieder aufgewacht. Sogar mit Schlaftabletten. Ohne die kam ich meist gar nicht zum Schlafen. Wenn ich dann wieder wach war, konnte ich nicht mehr schlafen, hatte aber auch keine Kraft aufzustehen. Eine Aussage, die ich sehr oft von Ärzten und Familienangehörigen gehört habe, war: „Hab Geduld, das Ganze braucht Zeit, du wirst wieder gesund.“ Ich selber hatte das Gefühl, dass mir auf irgendeine Weise die Zeit wegläuft und den Glauben, dass ich wieder gesund werde, hatte ich sowieso verloren.

Die Zeit nach meiner Depression:

Die Depression kam schleichend und ging schleichend. Ich bin nun wieder in der Lage, mein normales Leben zu führen. Mir hat am Ende die richtige Medikamenteneinstellung geholfen. So konnte ich doch noch erfahren, dass Psychopharmaka auch ein Segen sein können. Ich hoffe, die Medikamente irgendwann wieder absetzen zu können. Die parallel laufende Therapie war in meinem Fall zweitrangig. Genauso hat mir der Rückhalt, den ich von meiner Frau und meiner Familie erfahren habe, geholfen. Auch wenn die meistens mit meiner Krankheit überfordert waren. Mein Arbeitgeber zeigte von Anfang an Verständnis und hat mich während der gesamten Zeit in Ruhe gelassen. Mein Hausarzt war bzw. ist auch ein wichtiger Baustein. Er hat meine Depression nicht nur frühzeitig erkannt, sondern hat mich während der Krankheit - und auch bei der jetzigen Nachbehandlung - immer fürsorglich betreut. Ein vertrauensvolles Ärzte-Patienten-Verhältnis habe ich bei dieser Art von Krankheit als besonders wichtig empfunden.

Was ich aber über die ganze Zeit als positiv erfahren habe, war die Resonanz mit meinem offenen Umgang. Sowohl in der akuten Phase als auch danach. Auch andere Betroffene, sogar aus meinem direkten Umfeld, von denen ich es nicht wusste, haben sich mir anvertraut. Dies hat mir sehr den Druck genommen und ich habe mich mit meiner Krankheit nicht versteckt, sondern konnte offen damit umgehen.