Suizidalität

Suizidgedanken und -impulse (Suizid = lat. Selbsttötung) sind ein sehr häufiges Symptom bei Depression. Sie machen Depression oft zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung.

Menschen mit Depression erleben nicht nur großes Leid, sondern haben auch durch die Erkrankung jegliche Hoffnung verloren. Sie glauben nicht daran, dass ihnen geholfen werden kann und sich ihr Zustand je wieder bessert. 

Um diesem als unerträglich empfundenen Zustand zu entkommen, kann der Wunsch entstehen, nicht mehr Leben zu wollen.

Wer selbst an Suizid denkt oder gefährdete Menschen kennt, sollte umgehend ärztliche Hilfe suchen.


Inhaltsübersicht


Häufigkeit

In Deutschland versterben jährlich ca. 10.000 Menschen durch Suizid. Das sind mehr Menschen, als im Verkehr (ca. 3.500), durch Drogen (ca. 1.200) und durch AIDS (ca. 400) zu Tode kommen (Statistik 2015). Die Zahl der Suizidversuche ist schätzungsweise 15– bis 20–mal so hoch. Zwei von drei Suiziden werden von Männern verübt. Insbesondere ältere Männer haben ein erhöhtes Risiko. Bei den Suizidversuchen sind hingegen junge Frauen gefährdet. Auch wenn die Suizidzahlen seit den 90er Jahren insgesamt abgenommen haben, ist Suizidprävention nach wie vor dringend notwendig.

Abb.:Todesursachen im Vergleich
Abb.:Todesursachen im Vergleich (Quelle: Todesursachenstatistik, Statistisches Bundesamt, www.gbe-bund.de, Zugriff Februar 2017)
Abb.: Suizidraten (je 100.000 Einwohner) in Deutschland 2014
Abb.: Suizidraten (je 100.000 Einwohner) in Deutschland 2014 (* nicht altersstandardisiert; Quelle: Todesursachenstatistik, Statistisches Bundesamt; www.gbe-bund.de, Zugriff Februar 2017)

Ursachen und Risikofaktoren

Die Mehrheit der Menschen, die durch Suizid versterben, haben an einer psychiatrischen Erkrankung gelitten (90 %), am häufigsten an einer Depression (> 50 %).  Daneben sind Schizophrenie und Suchterkrankungen ebenfalls mit einem erhöhten Suizidrisiko verbunden.

Die erfolgreiche Behandlung der psychiatrischen Erkrankung stellt somit die beste Suizidprävention dar!

Kritische äußere Ereignisse, die mit großer Hoffnungslosigkeit verbunden sind wie Partnerschaftskonflikte, Schulden, Arbeitslosigkeit, chronische Erkrankungen oder Trennungen können suizidale Handlungen auslösen.

Aber: Der Annahme, dass schwierige äußere Bedingungen allein ein Grund für Suizide sind, muss widersprochen werden. Zum einen reagiert nur ein kleiner Teil der Betroffenen mit suizidalem Verhalten, während die große Mehrheit der Menschen in der Lage ist, diese „Schicksalsschläge“ zu verarbeiten. Das zeigen auch wissenschaftliche Studien, in denen kein Zusammenhang von Suiziden und Arbeitslosigkeit oder Suiziden und dem Vorliegen einer schweren körperlichen Erkrankung gefunden wurde.


Suizidprävention

Depressionen sind die Hauptursache von Suiziden. Eine erfolgreiche Behandlung der Depression senkt das Risiko für suizidale Handlungen.

Das 4-Ebenen-Interventionsprogramm der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist das am häufigsten durchgeführte und am besten wissenschaftlich untersuchte Suizidpräventionsprogramm. 2001 und 2002 als Modellprojekt „Nürnberger Bündnis gegen Depression“ gestartet, vereint es die folgenden Ziele:

  • die Verbesserung der Versorgung depressiv erkrankter Menschen und darüber hinaus (aber auch mit zusätzlichen Maßnahmen)
  • die Prävention von suizidalen Handlungen.

Mit Aktivitäten, die gleichzeitig auf 4 Ebenen der Versorgung ansetzten (1. Kooperation mit Hausärzten, 2. PR-Aktivitäten, 3. Fortbildungen von Multiplikatoren und 4. Angebote für Betroffene und Angehörige) konnte innerhalb von zwei Jahren die Anzahl suizidaler Handlungen (Suizide und Suizidversuche) um 24 % gesenkt werden – im Vergleich zum Ausgangsjahr und einer Kontrollregion.

Abbilung: Abnahme suizidaler Handlungen durch die Aktivitäten des Nürnberger Bündnis gegen Depression
Abb.: Abnahme suizidaler Handlungen durch die Aktivitäten des Nürnberger Bündnis gegen Depression (2000: Ausgangsjahr, 2001/2002: Interventionsjahre, 2003: Folgejahr)

Umgang mit suizidalen Menschen

Welche Alarmzeichen sollte man ernst nehmen?

  • Suiziddrohungen und -ankündigungen
    Das Vorurteil, dass sich ein Mensch, der von Selbsttötung spricht, nichts antut ist falsch.
  • Große Hoffnungslosigkeit und Äußerungen wie:
     „Es hat ja doch alles gar keinen Sinn mehr...“, „Irgendwann muss auch mal Schluss sein...“, „Es muss jetzt was passieren...“ sind bei depressiven Menschen Hinweise auf eine ernste Gefährdung.
  • Angelegenheiten ordnen, Abschied nehmen
    Viele Menschen möchten vor einem Suizid ihre Angelegenheiten ordnen. Beispielsweise verschenken sie Wertgegenstände, setzen ihr Testament auf oder verabschieden sich von ihren Freunden und Verwandten. Wer fest zum Suizid entschlossen ist, wirkt oft ruhiger, gefestigter und weniger verzweifelt. Die Mitwelt kann zu dem trügerischen Schluss kommen, es gehe mit der-/demjenigen endlich wieder aufwärts.

Was können Sie tun, wenn Sie einen akut suizidgefährdeten Menschen kennen?

  • Sprechen Sie das Thema an!
    Wenn Sie den Verdacht hegen, dass ein Freund oder Angehöriger suizidgefährdet ist, sollten Sie ihn in ruhiger und sachlicher Weise darauf ansprechen. Die Befürchtung, man könne dadurch den Suizid erst provozieren, ist falsch. In aller Regel stellt es für einen suizidgefährdeten Menschen eine Entlastung dar, mit einer anderen Person über die quälenden Gedanken sprechen zu können.
  • Ziehen Sie professionelle Hilfe hinzu!
    Versuchen Sie sich nicht als Therapeut, sondern unterstützen Sie den Betroffenen, professionelle Hilfe zu suchen. Hilfe können Sie bspw. bei einem niedergelassenen Arzt/Psychotherapeuten oder in einer Klinik suchen. Weiter Hilfsadressen finden Sie hier.
  • Sorgen Sie für den Menschen!
    Zeigen Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie für ihn da sind. Übernehmen Sie in der akuten Situation Verantwortung für den anderen. Begleiten Sie die gefährdete Person zum Arzt oder in die Klinik. Nachts kann das die psychiatrische Notfallambulanz sein, aber auch der ärztliche Notdienst.

Das Wichtigste bei akuter Suizidalität ist, nicht alleine in der aussichtslos erscheinenden Situation zu bleiben, sondern sich trotz oft vorhandener Scham- und Schuldgefühle einer anderen Person anzuvertrauen.

Wenn ein Mensch unmittelbar von Suizid bedroht ist, er aber in keiner Weise mehr über ein Gespräch erreichbar ist und nicht bereit ist gemeinsam Hilfe aufzusuchen, so sollte zu seinem Schutz der Notarzt verständigt werden. Bitte berichten Sie dem Notarzt genau von der Situation und lassen Sie den betroffenen Menschen bis zum Eintreffen des Notarztes nicht allein.
Das Wichtigste ist, Zeit zu gewinnen, da der Wunsch zu sterben fast immer nur ein vorübergehender Zustand ist und auch bei schwierigen Lebenssituationen meist der Lebensmut zurückkehrt.


Suizidalität in den Medien

Den Medien kommt bei der Berichterstattung über Suizide und Suizidversuche eine große Verantwortung zu. Durch dramatisierende oder gar heroisierende sowie detaillierte Darstellung können bei suizidgefährdeten Menschen suizidale Handlungen ausgelöst werden. Dies ist als Werther-Effekt beschrieben, in Anlehnung an die Erfahrung mit dem Roman Goethes „Die Leiden des jungen “. Ziel der Stiftung ist es daher, die Medien zur Mitarbeit zu gewinnen. In unserem Medienguide „Take care, be aware“ sind entsprechende Empfehlungen zur Berichterstattung über Suizide enthalten, wie beispielsweise, den Suizid nicht als Freitod oder in melodramatischer Weise darzustellen, sondern als Folge einer psychiatrischen Erkrankung, die durch konsequente Behandlung hätte vermieden werden können.


Informationen im Internet

AGUS e.V. (Angehörige um Suizid)
Der Verein AGUS unterstützt Angehörige nach Suizid durch Beratung, Betreuung und Vermittlung von Kontakten Betroffener.

NASPRO (Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland)
In dieser Initiative haben sich bisher mehr als 90 Institutionen, Organisationen und Verbände zusammengeschlossen, um an der Suizidprävention in Deutschland zu arbeiten.

Freunde fürs Leben
Der Verein bietet vielfältige Informationen über Suizid und Depressionen für vorwiegend Jugendliche und junge Erwachsene.

NEUhland
Informationen für suizidgefährdete Kinder und Jugendliche sowie für Fachleute.


Quellen

Verwendete Quellen im Beitrag

Bertolote, J. M., Fleischmann, A., De Leo, D., & Wasserman, D. (2004). Psychiatric diagnoses and suicide: revisiting the evidence. Crisis, 25 (4), 147‐155.

Statistisches Bundesamt. (2015). Todesursachenstatistik. Verfügbar unter: https://www.gbe-bund.de/oowa921-install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/xs_start_neu/&p_aid=3&p_aid=10324223&nummer=670&p_sprache=D&p_indsp=-&p_aid=66408671 [02. September 2015]

Hegerl, U., Althaus, D., Schmidtke, A., Niklewski, G. (2006). The Alliance against Depression: two year evaluation of a community based intervention to reduce suicidality. Psychol Med 36, 1225-1234.

Hegerl, U., Mergl, R., Havers, I., Schmidtke, A., Lehfeld, H., Niklewski, G., & Althaus, D. (2010). Sustainable effects on suicidality were found for the Nuremberg alliance against depression. European archives of psychiatry and clinical neuroscience, 260 (5).