Wie entsteht eine Depression?

Neurobiologische Seite

Neben psychosozialen Auslösern gibt es auch körperliche Ursachen für das Entstehen einer Depression, d.h. Veränderungen im Körper und insbesondere neurobiologische Veränderungen im Gehirn. Hierzu zählen z.B. genetisch bedingte Faktoren, die das Risiko zu erkranken beeinflussen. Als Auslöser können aktuelle Veränderungen in den Stresshormonen oder Ungleichgewichte in anderen Botenstoffen im Gehirn wirken.

Durch eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva kann direkt auf diese neurobiologischen Ungleichgewichte eingewirkt werden.

Abb.: Schematische Darstellung von Nervenzellen
Abb.: Schematische Darstellung von Nervenzellen

Neurobiologie und Vererbung

Wie funktioniert unser Gehirn?

Unser Gehirn besteht aus über 100 Milliarden Nervenzellen.

Jedes unserer Gefühle, jede unserer Stimmungen, jeder Gedanke, jede Wahrnehmung und jedes Verhalten gehen mit einem besonderen Aktivitätsmuster der Nervenzellen in unserem Gehirn einher. Denken, Fühlen und Handeln hängen also von der Funktion unserer Nervenzellen im Gehirn ab.

Die innerhalb einer Nervenzelle entstehende Aktivität wird über Ausläufer der Nervenzelle, wie bei einem Kabel, zu anderen Nervenzellen weitergeleitet. Zwischen den Nervenzellen besteht jedoch keine direkte Verbindung. Um den Reiz zur nächsten Nervenzelle weiterzuleiten, müssen am Ende der Nervenzelle sogenannte Botenstoffe (Neurotransmitter) in den synaptischen Spalt (den Raum zwischen zwei Nervenzellen) ausgeschüttet werden. Die vorgeschaltete Zelle leitet so die Aktivität an die nachgeschaltete Zelle weiter.

Abb.: Reizweiterleitung zwischen Nervenzellen über Botenstoffe im synaptischen Spalt am Beispiel von Serotonin
Abb.: Reizweiterleitung zwischen Nervenzellen über Botenstoffe im synaptischen Spalt am Beispiel von Serotonin

Die von der vorgeschalteten Zelle freigegebenen Botenstoffe aktivieren Kontaktstellen (Rezeptoren) an der nachgeschalteten Zelle. Dadurch entsteht zum Beispiel ein neuer Reiz, der wieder bis zum Ende der Ausläufer der Zelle wandert und Botenstoffe in den nächsten synaptischen Spalt freigibt.

  • Die Aktivitäten innerhalb der Nervenzellen führen demnach zur Ausschüttung von Botenstoffen, über die die einzelnen Nervenzellen im Gehirn miteinander „kommunizieren“.
  • Die Botenstoffe dienen der Reizweiterleitung von Nervenzelle zu Nervenzelle.
  • Dieser Prozess ist grundlegend für verschiedene Funktionen im Gehirn, denen wiederum unseren Handlungen, Stimmungen und Wahrnehmungen zugrunde liegen.
Was passiert bei einer Depression im Gehirn?

Während einer Depression sind sehr viele Funktionen im Gehirn verändert. Daran sind zahlreiche Botenstoffe beteiligt, wobei ein besonderes Augenmerk auf Noradrenalin und Serotonin gelegt wird, da Antidepressiva auf diese wirken und sie möglicherweise eine Rolle bei der Entstehung der Depression spielen. Der Stoffwechsel, das heißt der Austausch von Botenstoffen zwischen den Nervenzellen, ist bei einer Depression verändert.

Antidepressive Medikamente beeinflussen diese biochemischen Prozesse an den Nervenzellen, sodass die zur Reizweiterleitung und -verarbeitung erforderlichen Botenstoffe wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Wegen komplizierter Wechselwirkungen und Rückkopplungen ist ein detailliertes Verständnis der Funktionsstörung der Botenstoffe in der Depression und der genauen Wirkung der Antidepressiva schwierig. Die Vorstellung, es würde schlicht ein Mangel an Serotonin vorliegen, ist zu simpel.

In Studien hat sich im Übrigen gezeigt, dass sich auch nichtmedikamentöse Behandlungen wie Psychotherapie, Therapeutischer Schlafentzug (Wachtherapie) und Elektrokrampftherapie (EKT) auf diese Botenstoffe auswirken.

Können Depressionen vererbt werden?

Im Zusammenhang mit der Frage nach den Ursachen einer Depression kommt oft die Frage nach der Vererbbarkeit der Erkrankung auf. Welche Rolle spielt die Genetik bei der eigenen Erkrankung? Wie hoch ist das Risiko, dass die eigenen Kinder von der Erkrankung betroffen sind?

  • Gut belegt ist, dass bei der Entstehung einer Depression eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt.
  • Es gibt jedoch kein einzelnes Gen, das hauptverantwortlich für die Erkrankung ist. Es ist anzunehmen, dass es zahlreiche genetische Veränderungen gibt, die erst bei einer ungünstigen Konstellation das Erkrankungsrisiko erhöhen.
  • Eine Vielzahl von Studien (zum Beispiel der Zwillings- und Adoptionsforschung) zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken, für eine Person um das Dreifache erhöht ist, wenn die Eltern oder Geschwister an einer Depression erkrankt sind.
  • Bei eineiigen Zwillingen, d.h. bei Personen mit gleicher genetischer Ausstattung, leiden in circa 50 % der Fälle beide Zwillinge an einer depressiven Erkrankung. Das bedeutet aber auch, dass die Gene nicht alles erklären können. Es müssen zusätzlich äußere Einflüsse hinzukommen.